Ihr Lieben,
die vielen Niederschläge der letzten Wochen haben Natur und Gärten gut getan. Nun hoffe ich, dass sich der Sommer eine Weile bei uns wohl fühlt und wir endlich schöne Abende auf der Terrasse genießen können. Dabei lassen wir den Blick schweifen und denken vielleicht schon über das nächste Projekt im Garten nach – vielleicht eine neue Sichtachse …

Sichtachsen lenken den Blick des Betrachters in eine bestimmte Richtung und gliedern den Garten. Unser Auge sucht Halt und eine Ordnung; Sichtachsen helfen ihm, sich zu orientieren, strukturieren den Garten und schaffen Harmonie.
Die Achse selber ist eine gedachte Linie, entlang derer ein Garten oder ein Gartenraum gestaltet ist. Sie hat stets einen Anfang und ein Ende, verbindet Bereiche, hebt einen Blickpunkt hervor, kann räumliche Tiefe schaffen, Gärten größer erscheinen lassen und Spannung erzeugen.
Historische Vorbilder
Viele historische Gärten und Parks sind symmetrisch angelegt und ihre beeindruckenden Hauptachsen verlaufen genau durch ihre Mitte, liegen also auf der Spiegelachse. Sie führen auf ein Schloss oder ein Herrenhaus zu. So wurde zum Einen das Gebäude besonders in Szene gesetzt und der Wohlstand der Besitzer betont, zum Anderen der Garten mit dem Gebäude in Beziehung gesetzt und zu einer gestalterischen Einheit verbunden. Schloss Nymphenburg wird von der Parkseite aus mit einer breiten Kiesfläche zum Flanieren und ausgedehnten Rasen- und Beetflächen in Szene gesetzt:

Eine Rasenfläche mit seitlichen Wegen, flankiert von Eibenkegeln und Statuen, führt im Großen Garten in Hannover Herrenhausen auf ein Denkmal zu.

Es zeigt Kurfürstin Sophie, die maßgeblich an der Gestaltung des Gartens beteiligt war.

Plätze auf langen Wegen mit Springbrunnen, die man schon von Weitem sieht, sind häufiges Gestaltungselement in historischen Gärten.

Wege als Sichtachsen im Garten
Wege als Sichtachsen führen uns vom Haus in den Garten, ziehen uns in ihn hinein. Sie verbinden einen Gartenraum mit dem nächsten. Sie laden vom Gartentor aus ein, den Garten zu erkunden oder führen von der Terrassentür zum Sitzplatz im hinteren Garten. Man nennt dies Sichtachsen mit Wegführung.
Über einen zugewachsenen Teich hinweg verläuft auf der gegenüberliegenden Seite ein Rasenweg zwischen Hecken. Die zum Vogel geformte Eibe erweckt unsere Neugier. Man möchte dort hingehen, um sie aus der Nähe zu sehen. Die Stämme der Bäume im Vordergrund rahmen die lebende Skulptur und heben sie zusätzlich hervor.

Die Pergola und die gepflasterte Fläche zwischen den Rasenflächen führen zur Öffnung in der Hecke. Die klaren Linien verstärken die Perspektive und lassen uns kaum eine andere Wahl, als diesen Weg zu nehmen. Die Pfähle sind mit Kletterrosen bepflanzt, die im Sommer einen blumigen, duftigen Rahmen bilden werden.

Die Reihen von Japanischen Spiersträuchern (Spiraea japonica) unterstreichen die Richtung des Klinkerweges und lenken zusammen mit den Buchskugeln die Aufmerksamkeit auf den Rosenbogen in der Ferne.

Weitere Möglichkeiten, den Garten mit Sichtachsen zu gestalten
Es müssen nicht immer Wege sein. Der Blick kann auch durch Sichtachsen ohne Wegführung durch den Garten geleitet werden. Eine Sichtachse führt von unserer Terrassentür über ein Beet zu dieser Sitzgruppe im hinteren Gartenteil. Die Verengung in der Rasenfläche und der Rosenbogen leiten das Auge. Die Töpfe mit den Sterngladiolen zu beiden Seiten verstärken den Effekt.

Durch die Lücke zwischen den Sträuchern wird der Blick frei über den Teich zum Herrenhaus in Wakehurst in Südengland.

Die Gehölze links und rechts der terrassenförmig angelegten Rasenflächen in Filoli bilden geradezu einen Blick-Tunnel. Unsere Aufmerksamkeit richtet sich zunächst auf den kleinen Teich auf der unteren Ebene und dann auf die Szene mit dem Brunnen im Hintergrund, der von zwei Säuleneiben flankiert wird. (Zoomt gerne mal rein.)
Ist die Gärtnerin, die gerade die Iris ins Wasser setzt, nicht ein schöner zusätzlicher Hingucker?

Hier wird das Auge über den Weg, ein formales Wasserbecken und die Stufen in der Öffnung der Hecke zum Turm der Kapelle geführt:

In diesem Schaugarten von Kazuyuki Ishihara auf der Chelsea Flower Show 2024 wandert der Blick zwischen Zierahornen und Tuffs blauer Iris hindurch zum Wasserfall im Hintergrund.

Ein Guckloch macht neugierig: Was gibt es da zu sehen? Die bepflanzte Vase belohnt für den aufmerksamen Blick. Hier möchte man zügig um die Hecke herum gehen, um das Beet im Ganzen zu sehen.

Tipp:
Ein kleiner Garten erscheint größer, wenn eine Diagonale, die die größtmögliche Entfernung darstellt, als Sichtachse gewählt wird.
Blickpunkte
Am Ende einer Sichtachse steht ein Blick- oder Fokuspunkt, ein attraktives Element, das den Blick auf sich zieht. In einer formalen Gestaltung ist es häufig eine Skulptur, es kann aber auch ein besonderes Pflanzgefäß sein, eine Sitzgruppe oder eine Vogeltränke. Eine besonders schöne Pflanze als Blickpunkt wirkt natürlich und fügt sich ganz selbstverständlich ins Gartenbild ein.
Dieser Weg führt zu einer kleinen Laube mit einer Bank, die zusätzlich von bepflanzten Vasen flankiert wird. Wie Kimme und Korn wirken sie zusammen mit der Sonnenuhr, die die Wirkung noch verstärkt:

Die große Vase sorgt in diesem Gartenzimmer mit zu Säulen geschnittenen Gehölzen und Heckenelementen aus Buche auch im Winter für ein ansprechendes Bild. Wichtig für Gefäße, die in den kalten Monaten draußen stehen sollen, ist selbstverständlich, dass sie frostfest oder wasserfest verschlossen sind.

In diesem Schaugarten auf der Chelsea Flower Show 2024 dient ein großer Findling als Hingucker. Man möchte ihn gerne aus der Nähe anschauen, um dann dem Weg weiter zu folgen und herauszufinden, was hinter der Biegung auf den Besucher wartet.

Ein attraktiver Ausblick lässt sich in die Gestaltung einbeziehen.
Eine Sichtachse, die in die Landschaft hinter dem Garten führt, lässt die Grenzen verschwimmen. So wirkt der Garten größer und wird um die "geborgte" Szene außerhalb bereichert.

Im Garten von Goodnestone Park in Südengland schweift der Blick durch mehrere Gartenräume mit großzügigen Rasenflächen und Staudenbeeten. Hinter der Gartengrenze erhebt sich der Kirchturm des Ortes:

Die plakative Vase gibt dem Auge in mitten der üppig bepflanzten Beete Halt und zieht es geradezu in die Pflanzung hinein.

Hier habe ich ausnahmsweise einmal mit der KI gespielt und die Vase aus dem Bild genommen. Der Unterschied ist deutlich; die Bepflanzung ist immer noch sehr gelungen, doch der Blick hat deutlich weniger Orientierung entlang des Weges.

Der Blick in diesen Innenhof …

… führt ohne die Brunnen auf die Türöffnung zu, die wie ein schwarzes Loch erscheint.

Abzweigungen und gewollte Hindernisse
Treppenabsätze lassen uns vor den nächsten Stufen pausieren und stehen bleiben. Dabei kann der Blick eine andere Richtung nehmen und links und rechts des Weges Neues entdecken.

Führt der Weg geschwungen durch die Beete, gehen wir langsamer und nehmen uns Zeit, die Stauden zu betrachten, bevor wir auf der Bank Platz nehmen und den Blick zurück genießen.

Der gemauerte Brunnen macht Lust, näher zu treten und hinein zu schauen. Er markiert das Zentrum eines Gartenraums und steht mitten auf dem Weg. Hier muss man anhalten und sich für eine Richtung entscheiden, denn es zweigen mehrere Gartenwege ab, die dazu einladen abzuschweifen und neue Blicke eröffnen.

Auch sie bilden Sichtachsen wie zu dieser Bank, auf der inmitten von Katzenminze, Taglilien und Lilien ein Päuschen lohnt.

Hecken, Pergolen und Rosenbögen: die dritte Dimension
Vertikale Elemente wie Rosenbögen, Hecken und Pergolen geben der Sichtachse Räumlichkeit, in dem sie die Höhe als dritte Dimension nutzen. Durchgänge fokussieren unseren Blick zusätzlich und verstärken die Wirkung der Sichtachse.
Mehrere Bögen mit Rosen und Goldregen machen auf den halb versteckten schattigen Pavillon im Hintergrund aufmerksam.

Die mit Rosen berankte Pergola betont die Büste an ihrem Ende. Unterwegs dorthin kann man die verschieden Blüten auf Augenhöhe betrachten und sich von ihrem Duft verwöhnen lassen:

Hier wird jeder Gartenraum durch eine andere Art von "Fenster" eingeleitet. Hinter dem Rosenbogen gelangt man durch einen Bogen in der Hecke in einen Gemüsegarten.

Die stattlichen Steinguss-Gartenvasen betonen die Perspektive des Gartenweges, der auf ein Nebengebäude im Park von Schloss Dennenlohe zu führt:

Hohe Hecken hindern den Blick daran, abzuschweifen. Der langgezogene Rasenweg macht auf eine stattliche Wolfsmilch aufmerksam, die sich an das alte Gebäude schmiegt. Das Fenster schaut uns direkt an und scheint mit uns kommunizieren zu wollen:

Und zum Schluss noch eine Idee, wenn mal gerade keine Büste zur Hand ist … Die Toilette am Ende des Weges mit dem kleinen Beetrondell ist mit Sukkulenten bepflanzt.

Wie immer freue ich mich, wenn ihr euch die Zeit nehmt, mir unten einen Kommentar zu hinterlassen. Ich wünsche euch ein wunderschönes Wochenende.
Herzliche Grüße
eure Susanna




Es gibt noch keine Kommentare zu diesem Artikel